Gegenkulturelle Kommunen heute: Die Arcadia Potsdam

erschienen als Kommentar fuer das Institut fuer Unternehmerische Freiheit, September 2008

Die Luftaufnahme auf der Firmenhomepage könnte aus einem Reiseprospekt stammen. Eine kleine Wohnsiedlung an einer Flussgabelung, umgeben von Bäumen und Wiesen. Sehr idyllisch, sehr naturnah, und sehr unspektakulär. Doch der Eindruck täuscht. Diese Siedlung, die den Namen “Arcadia Potsdam” trägt, ist ein kleines Stück Gegenkultur. Viel mehr jedenfalls als all die Horte alternativer Spießigkeit im Prenzlauer Berg und in Kreuzberg. Arcadia Potsdam ist Deutschlands erste Gated Community.

Gated Communitys (GCs) sind Wohngegenden, die sich komplett in privatem Besitz befinden. Innerhalb ihrer Grenzen sind Infrastruktur und Sicherheit keine öffentlichen, sondern private Güter. GCs sind also so etwas wie kleine Dörfer, die einen (oder mehrere) Eigentümer haben - so, wie ein Restaurant, eine Kneipe oder eine Diskothek einen (oder mehrere) Eigentümer hat. Und genau wie die Eigentümer von Restaurants und Diskotheken können die Eigentümer von GCs auch von ihrem Hausrecht Gebrauch machen, zumindest von dem, was ihnen nach Diskriminierungsverbot, Rauchverbot etc noch davon bleibt. Dazu gehört die Entscheidung darüber, wer die GC betreten darf, und welche Verhaltensregeln dort einzuhalten sind.

Andernorts ist das nichts Unübliches. In den USA leben etwa 10 Millionen Menschen in Privatsiedlungen. In Deutschland aber schien das bisher undenkbar, bildet die Möglichkeit der räumlichen Selbstseparierung verschiedener Gesellschaftsgruppen doch genau die Antipode zu unserer sozialdemokratischen Kultur. Kein Wunder also, dass auch eine eigentlich seriöse Zeitung wie die Süddeutsche Gift und Galle spuckt, wenn es um Arcadia geht. Von einer „eingemauerten Mittelklasse” ist da die Rede, von „Klassensegregation”, von „Angst vor zu großer Nähe zu der vermeintlich kriminellen Unterschicht”, von einer „Kultur des Nicht-Berührens”, von „residenzieller Entmischung”, und „sozialräumlicher Polarisierung”. Welches Schlagwort darf hier natürlich nicht fehlen? Richtig: „Privatisierung des öffentlichen (Wohn-)Raumes”. Kaum zu glauben, was so ein paar unscheinbare Häuschen am Havelufer alles verkörpern können.

„Big Brother meets Franz Kafka”, urteilt ein Nachrichtenportal der Universität der Künste Berlin. „Eine Stadt - und damit auch eine Gesellschaft - lebt aufs Ganze gesehen von der Durchmischung, vom unerwarteten Kontakt mit anderen Menschen, Lebensformen und Denkweisen. Versuche, sich selbst von dieser Umwelt auszuschließen, führen wie auf einer abschüssigen Bahn dazu, den Distinktionszwang zu vertiefen, von dem Pierre Bourdieu gesprochen hat.” Der unerwartete Kontakt mit den Lebensformen und Denkweisen derer, die sich in Arcadia wohl fühlen, und die womöglich noch nicht einmal Pierre Bourdieu gelesen haben, ist diesem Kunststudenten offenbar nicht gut bekommen. Sein Fazit lautet: „Eine Stadt, geprägt von Zäunen und Mauern, die Einwohner in Zugangsberechtigte und Ausgeschlossene unterteilt, erscheint nicht nur wie eine Bedrohung der Freiheit, sie ist es.” Ob der UdK-Student, der diese Zeilen geschrieben hat, wohl ausnahmslos Jeden in seine Wohnung hineinlässt? Sollte das nicht der Fall sein, so müsste er sich fragen lassen, mit welchem Recht er die Gesellschaft in Zugangsberechtigte und Ausgeschlossene unterteilt. Verschärft er damit nicht den Distinktionszwang?

Es geht diesen Autoren, und den noch viel zahlreicheren Kritikern in der Bloggosphäre, natürlich nicht um die Arcadia als solche. Es geht um das Prinzip, das diese scheinbar verkörpert. Sie sehen in der Arcadia das Kleinformat, und womöglich den Vorboten, einer auf Abgrenzung und Ausgrenzung basierenden Gesellschaftsordnung. Die Bürger sollen sich gefälligst als Mitglieder einer großen Solidargemeinschaft wahrnehmen. Da kann keiner einfach ausscheren, nur weil er mal eben keine Lust mehr hat, und sein eigenes Ding machen.

Vor lauter Pikiertheit vergessen unsere journalistischen Anstandstanten allerdings, einmal zu fragen, was Bürger dazu motiviert, in GCs zu ziehen. Hätten sie sich den deutlich ausgebauteren GC-Markt der USA einmal näher betrachtet, dann hätten sie vielleicht festgestellt, dass es dabei weder ausschließlich um den Sicherheitsaspekt geht, noch, dass es GCs nur für Superreiche gibt. Vielmehr gibt es in den USA neben den Hochsicherheits- und Luxus-GCs auch eine Fülle so genannter Lifestyle-Communitys, deren Bewohner sich vor allem über ein gemeinsames Lebensgefühl definieren. Dieses kann sich aus der Vernarrtheit in eine bestimmte Freizeitbeschäftigung ergeben, aus dem Glauben, oder einfach aus einem vergleichbaren Lebensabschnitt. So gibt es beispielsweise Golfer-Communitys, Tennis-Communitys, Angler-Communitys, religiöse Communitys, Rentner-Communitys und Familien-Communitys. Würden diese Gruppen alle am gleichen Ort leben, und über die Zusammensetzung des lokalen öffentlichen Güterangebotes, sowie über die Verhaltensregeln vor Ort, gemeinsam abstimmen, so würden dabei sicher nur faule Kompromisse herauskommen. Leben ein Schlager-Fan, ein Rockfan und ein Klassik-Fan nebeneinander, so gehen sie wahrscheinlich auch nicht gemeinsam auf ein Konzert, sondern sie gehen, was den Musikgeschmack angeht, getrennte Wege. Das heißt weder, dass sie einander als Feinde betrachten, noch, dass sie einander nicht als Arbeitskollegen, Sportvereinskameraden oder Mitstreiter in einer Bürgerinitiative wertschätzen können.

Nichts anderes passiert, wenn sich verschiedenartige GCs bilden. Rentner haben es in der Regel nun mal gerne ruhiger, kleine Kinder sind in der Regel nun mal laut. Eine begrenzte Fläche kann nicht gleichzeitig voller Tennisplätze und voller Anglerseen sein. Die Interessen aller beteiligten Gruppen sind, für sich genommen, völlig legitim und nachvollziehbar. Aber sie schließen einander auch teilweise aus. Warum kann man sich, auf den strittigen Aspekt bezogen, nicht einfach aus dem Weg gehen? Warum müssen wir uns mit aller Gewalt einig werden? Wäre unsere Gesellschaft nicht am Ende sogar friedlicher, wenn sie weniger auf Einigkeit angewiesen wäre?

Also ein Plädoyer für abgeschlossene Wohngegenden, mit Einwohnern, die einander möglichst ähnlich sind? Nicht unbedingt. Der Wesenskern einer GC besteht weder darin, dass sie hermetisch abgeriegelt ist, noch darin, dass sie über eine soziologisch homogene Einwohnerschaft verfügt. Der Wesenskern einer GC ist es, dass ihr Eigentümer entscheidet, wie offen diese nach außen und wie durchmischt sie im Innern ist. Nehmen wir an, der Alptraum der Arcadia-Gegner würde war, und GCs würden in Deutschland plötzlich wie Pilze aus dem Boden schießen. Nicht alle davon wären einfach Arcadia-Kopien. Vielmehr würden sie ganz unterschiedliche Grade an Offenheit und Durchmischtheit aufweisen. GCs, deren Einwohner vor allem das Bedürfnis nach Sicherheit eint, wären wahrscheinlich die am wenigsten durchlässigen. Bei diesen hätte man ohne Einladung eines Bewohners keine Chance, sie zu betreten, in einigen würde vielleicht sogar der Besuchsverkehr begrenzt. GCs dagegen, deren Bewohner vor allem einem bestimmten Lebensstil nachgehen, und diesen auch offensiv vorleben und bewerben möchten, würden dagegen sogar versuchen, Besucher anzulocken. Ihr Beispiel soll schließlich Schule machen. Zwischenwege würden wohl Einrichtungen wie die Sportler-Communitys einschlagen - die würden sich davor schützen wollen, dass jeder Hinz und Kunz ihre Tennisplätze belegt, hätten aber ansonsten vermutlich nichts dagegen, Hinz und Kunz über den Weg zu laufen.

Genau so könnte es ganz unterschiedliche Grade an sozialer, ethnischer und kultureller Durchmischung geben. Wenn viele Menschen ähnlich denken wie unser geschätzter Kunststudent, dann könnte es sich für die Betreiber von GCs wirtschaftlich lohnen, sogar bewusst ein buntes Mischverhältnis herbeizuführen. Das würde durch selektives Gewähren von Preisnachlässen oder anderen Gefälligkeiten an bestimmte Gruppen geschehen, ähnlich, wie wenn ein Diskothekenbetreiber mit Angeboten wie „Lady’s Night” einem Männerüberschuss vorbeugt. (Wo es diesen gibt, da ist es nämlich gerade die Homogenität, die das Konfliktpotential darstellt.) Um es kurz zu machen: Wäre die GC eine übliche Form des Wohnens, dann gäbe es Durchmischung, wo Durchmischung gewünscht wird, und Separierung, wo Separierung gewünscht wird.

Klingt ja schön und gut, so könnte man einwenden, wenn diese Möglichkeiten jedem offen stünden. Aber GCs werden in Deutschland noch lange Zeit ausschließlich das Luxussegment besetzen. Das ist leider richtig - muss aber so nicht zwangsläufig sein. Das Institut für Unternehmerische Freiheit fordert mehr soziale Gerechtigkeit beim Zugang zu Gated Communitys. Lasst tausend Arcadias blühen! Die folgenden drei Maßnahmen wären wichtige Schritte auf dem Weg dorthin:

1. Die bürokratischen Hürden, die der Gründung einer GC entgegenstehen, sollten abgebaut werden. Die Gründung einer GC sollte nicht schwieriger sein als der Bau eines Mietshauses.

2. Die Bewohner einer GC nutzen das lokale Angebot an öffentlicher Infrastruktur und Sicherheit in geringerem Maße. Deswegen sollte ihnen ein Nachlass bei ihrer (kommunalen) Steuerschuld eingeräumt werden. Das eingesparte Geld können sie stattdessen in den Aufbau ihrer Community stecken.

3. Land in Staatsbesitz sollte verstärkt veräußert werden. Agrarsubventionen sollten abgebaut werden. Zusätzliches Bauland würde auf den Markt gelangen, was fallende Grundstückspreise zur Folge hätte. Grunderwerb würde erschwinglicher, nicht speziell, aber auch für die Gründung von GCs.

Quellen / Literaturempfehlungen: