Das Institute of Economic Affairs - die Erfolgsgeschichte eines intellektuellen Kreuzzuges

erschienen in “eigentuemlich frei”, Mai 2007

In Deutschland blicken konsequente Freidenker manchmal mit einer gewissen Wehmütigkeit auf die angelsächsische Welt. Ihre Positionen sind zwar auch dort nicht Mainstream, aber es ist doch immerhin möglich, sich für Kapitalismus auszusprechen, ohne gleich angeschaut zu werden, als hätte man gerade die Heiligsprechung von Charles Manson vorgeschlagen. Das liege daran, so hört man manchmal, dass diese Länder über eine tiefe liberale Tradition verfügten, Deutschland dagegen über eine ausgesprochen autoritäre. Falsch ist das nicht. Und doch wird dabei der wesentliche Teil der Nachkriegsgeschichte ausgeblendet. Nach dem Zweiten Weltkrieg herrschte gerade in Großbritannien ein euphorischer Glaube an staatliche Planung und Lenkung. „Wie im Krieg, so im Frieden“, lautete die Losung des alle Lager einenden Nachkriegskonsenses. Hatte nicht der Kapitalismus, dieses chaotische, unkoordinierte Treiben Einzelner, die Welt in eine schwere Wirtschaftskrise gestürzt? War es nicht die Kriegsplanwirtschaft gewesen, die Vollbeschäftigung und Stabilität geschaffen hatte? So jedenfalls sah es der Geist der Zeit. Die zahlreichen Funktionen, die der Staat in der Kriegswirtschaft übernommen hatte, legte er nie mehr völlig ab, stattdessen eignete er sich die Kontrolle über Schlüsselsektoren der Industrie an und errichtete einen umfassenden Versorgungsstaat. Ganz Großbritannien war von den Etatisten besetzt. Ganz Großbritannien? Nein, ein kleines Institut in London leistete erbitterten Widerstand.

Und das kam so: 1946 entdeckt der kurz zuvor heimgekehrte Kriegspilot Antony Fisher im „Reader’s Digest“ eine Zusammenfassung von Friedrich August von Hayeks späterem Klassiker „Der Weg zur Knechtschaft“. Hayek hatte darin vor den Gefahren eines Staates gewarnt, der immer mehr Aufgaben und damit immer mehr Macht übernahm. Fisher erkennt darin seine eigenen Befürchtungen auf den Punkt gebracht und reist nach London, um Hayek aufzusuchen. Er fragt ihn, ob er in die Politik gehen solle, um am eingeschlagenen Irrweg des Landes etwas zu ändern. Hayek schlägt ihm diesen Plan gehörig aus dem Kopf. Seine Einschätzung davon, wie die großen Fragen einer jeden Epoche beantwortet werden, ist eine ganz andere. Hayek glaubt, letztendlich hinge das Wohl und Wehe einer Nation davon ab, welche Ideen sich durchsetzten. Und dieser Wettbewerb der Ideen werde letztlich von den Intellektuellen eines Landes entschieden. Wer etwas am Gang der Dinge ändern wolle, der müsse also die Intellektuellen erreichen, der Ausgang der Tagespolitik von heute sei längst durch die ideologischen Schlachten von gestern entschieden. Diese Sicht der Dinge mag zunächst überraschend erscheinen. Die meisten Menschen halten Intellektuelle für weltfremde Schwätzer, deren Theorien völlig folgenlos bleiben. Aber ihr Einfluss ist langsam und subtil. In einer arbeitsteiligen Gesellschaft sind es die Journalisten, die Autoren, die Lehrer, die Dozenten, die Kommentatoren, die Künstler und die Kulturschaffenden, die sich auf das Kommunizieren von Ideen spezialisieren. Sie sind es, von denen wir unsere Ideen beziehen. Nach Hayeks Interpretation war Großbritannien in Richtung Sozialismus gedriftet, weil praktisch alle Gebildeten des Landes zu Sozialisten geworden waren. Die einstmals dominierenden Liberalen hatten sich nach ersten Erfolgen ausschließlich praktischen Fragen zugewandt – und aufgehört, eine inspirierende Gesellschaftsvision anzubieten. Durch Mäßigung hatten sie sich kurzfristigen politischen Einfluss erkauft, es aber versäumt, die Intellektuellen ihrer Zeit zum Denken anzuregen, zu faszinieren, zu begeistern. Die Sozialisten hatten diese Lücke gefüllt. Ihre Organisationen wie die Fabian Society verfochten eine Vision dessen, was sein sollte, völlig unabhängig von dem, was war. Die Fabians waren anfangs als Träumer verlacht und als Radikale beschimpft worden, aber sie hatten viele der hellsten Köpfe ihrer Zeit begeistert. Gerade weil sie sich keinen Deut darum geschert hatten, was als „realistisch“ und „politisch durchsetzbar“ gegolten hatte, hatten sie die Grenzen dessen, was „realistisch“ und „politisch durchsetzbar“ war, um Lichtjahre verschoben. Fisher beschließt, ein klassisch liberales Gegenstück zur Fabian Society zu schaffen.

In den Jahren danach scheint dieses Projekt in den Niederungen des Erwerbsalltags unterzugehen. Fisher gründet eine Geflügelfarm, die er allmählich zum Erfolg führt. Mitte der 50er ist es aber endlich soweit, die Farm wirft genügend Gewinn ab, um ein ideelles Projekt zu tragen. Fisher mietet ein kleines Büro in der Londoner Innenstadt und gründet das Institute of Economic Affairs, das 1957 seine Tätigkeit aufnimmt. Mit Ralph Harris und Arthur Seldon holt er zwei Ökonomen ins Boot, die die inhaltliche Arbeit übernehmen sollen. Arthur Seldon, ein Arbeitersohn aus dem ärmlichen Londoner East End, war in seiner Jugend Sozialist – wie auch nicht in dieser Zeit?

Durch sein Studium an der London School of Economics war er zum klassischen Liberalismus konvertiert. Ralph Harris, ebenfalls aus einer Arbeiterfamilie stammend, hatte eine zeitlang in der Tory- Partei sein Glück versucht und schließlich entnervt aufgegeben. 1957 schafft Seldon mit dem Paper „Pensions in a free society“ einen stilistischen Prototypen für kommende Veröffentlichungen: akribisch recherchiert, nicht polemisch, zugänglich für den interessierten Laien, und ohne die mindeste Rücksicht darauf, was gerade als „politisch durchsetzbar“ gilt. Kurze Zeit später stechen die beiden in ein Wespennest, was ihnen den Durchbruch im Bewusstsein der Öffentlichkeit verschaffen soll. Mit Fernsehwerbung und Ratenkrediten auf größere Anschaffungen waren in den Fünfzigern zwei neuartige, heftig umstrittene Phänomene aufgetaucht. Die Fernsehwerbung, so hieß es, würde die Sittlichkeit gefährden, indem sie allerlei Begehrlichkeiten wecke. Mit Ratenkrediten würden die Arbeiter zudem dazu verführt, maßlos über ihre Verhältnisse zu leben. Die auf diesem Wege angeheizte Nachfrage würde zu Preissteigerungen führen, womit auch gleich der Schuldige für die Inflation gefunden war – es war das finstere Mittelalter des Ökonomieverständnisses. Dabei ging es ebenso sehr um kulturelle Fragen. John Kenneth Galbraiths Frontalangriff auf die „Konsumgesellschaft“ war gerade aus den USA herübergeschwappt und Großbritanniens Intellektuelle tobten. Harris und Seldon kontern, indem sie aufzeigen, dass man einzelne Praktiken zwar durchaus kritisieren könne, dass aber sowohl Werbung als auch Ratenkredite sinnvolle ökonomische Funktionen erfüllen. Vor allem verteidigen sie das von den Galbraithianern so gering geschätzte Prinzip der Konsumentensouveränität. Damit steht die Idee, zu jedem erdenklichen Thema ein eigenes Paper zu verfassen. Zu Beginn der 60er Jahre schickt sich das kleine Institut zu seinem einsamen Feldzug gegen den Nachkriegskonsens an. Sie bedrängen potentielle Leser, die ihre Publikationen nicht haben wollen, und potentielle Autoren, die für diese Häretiker nicht schreiben wollen. Ihre Zielgruppe sind Studenten, Dozenten und Journalisten, aber selbst der einst liberale „Economist“ hat sich einem braven Keynesianismus verschrieben und kommentiert das Treiben der Truppe bestenfalls kühl. In Fachzeitschriften halten sie Ausschau nach vielversprechenden Autoren und nehmen Kontakt zu solchen auf. Aber viele, die ihnen unter vier Augen ihre Sympathie bekunden, wollen nicht öffentlich mit ihnen in Verbindung gebracht werden. Wer es gut mit ihnen meint, der betrachtet sie als eine Ansammlung hoffnungsloser Ewiggestriger, die die Zeichen der neuen Zeit nicht erkannt haben. Bei einer Versammlung der Geflügelindustrie wird Fisher von einem der Redner als der Mann bezeichnet, der die beiden letzten Ökonomen der Welt beschäftige, die noch an freie Märkte glaubten. Und so sind wohlgemerkt die wohlwollenden Reaktionen. Jack Wiseman, einer der frühen Autoren, erinnert sich später, wie er einmal gegenüber einem Arbeitskollegen erwähnte, er sei gerade auf dem Weg zum IEA. „Um Gottes Willen“, soll dieser entsetzt erwidert haben, „du bist doch nicht etwa einer von dieser Faschistenbande?“. Und Ralph Harris erinnert sich, wie er auf Vorträgen den Blick durch die Reihen schweifen ließ, sehnsüchtig auf der Suche nach einem vereinzelten wissenden Lächeln oder einem angedeuteten Nicken. Was Mick, Keith und Brian in dieser Zeit für Englands Spießbürgertum sind, das sind Harris, Seldon und Fisher für die Establishment-Intellektuellen mit ihrem gepflegten Antikapitalismus.

Aber der Aufstieg des IEA ist ebenso wenig aufzuhalten wie der der Stones. 1968 warnt David Collard von der Fabian Society, der wachsende Einfluss des IEA sei eine ernsthafte Gefahr. Einige Jahre später steht er selbst auf dessen Autorenliste. In den 70er Jahren schließlich läuft das Institut zu Höchstform auf. Während die Mixed Economy allmählich in Scherben fällt und das Schlagwort von der „britischen Krankheit“ die Runde macht, feuert ein enorm gewachsener IEA-Autorenkreis unermüdlich neue Geschos- se auf die bröckelnde Festung des Nachkriegskonsenses.

Wie Hayek es vorausgesagt hatte, reagiert zuletzt – zuletzt! – auch die Politik. Nachdem die Konservative Partei 1970 ein paar marktwirtschaftliche Korrekturschritte angekündigt hatte, aber selbst davon sofort wieder Abstand nehmen musste und trotzdem 1974 zu Fall gebracht wurde, beginnen ein paar nachdenkliche Tories zu merken, dass in ihrem Land etwas nicht stimmt. Auf der Suche nach neuen Ideen tauchen einige von ihnen nun öfter bei IEA-Veranstaltungen auf, darunter der spätere Industrieminister Keith Joseph. Irgendwann bringt Joseph auch eine Kollegin aus dem abgewählten Kabinett von Edward Heath mit, die eher farblos gebliebene Bildungsministerin Margaret Thatcher. Es gilt jetzt als schick, sich mit den kapitalistischen Schmuddelkindern von einst zu zeigen. 1977 schreibt die „Financial Times“, das IEA sei die Institution, die das öffentliche Wirtschaftsverständnis am meisten beeinflusst habe. Nach ihrer Wahl zur Premierministerin schreibt Thatcher in einem Dankesbrief: „Sie haben das Meinungsklima geschaffen, das unseren Wahlsieg ermöglicht hat“. Später bescheinigt sie den Autoren des Instituts sogar, diese hätten „Britannien gerettet“. Völlig zu Recht lassen sich die so geadelten Ideen-Guerilleros nicht davon beeindrucken, dass die Rhetorik der Konservativen jetzt ihrer eigenen ähnlich geworden ist. Zwar werden in den kommenden Jahren viele alte IEA-Forderungen Realität, die vor nicht langer Zeit noch als realitätsferner Extremismus abqualifiziert worden waren. Der Wechselkurs wird freigegeben, die Inflation und das Staatsdefizit werden unter Kontrolle gebracht, Lohn-, Preis- und Kapitalverkehrskontrollen werden abgeschafft, die politische Macht der Gewerkschaftsführer wird begrenzt, Staatsbetriebe und -wohnungen werden privatisiert, wobei auf eine breite Eigentumsstreuung Wert gelegt wird. Keine Fortschritte gibt es dagegen beim maroden Bildungssystem und beim Wohlfahrtsstaat. Und die Staatsquote fällt nicht unter 40 Prozent. In den 80ern ist Thatcher anwesend auf einer IEAKonferenz, wo es Kritik an ihren Versäumnissen hagelt. „Du lieber Himmel“, soll sie gesagt haben, „ich hätte nie geglaubt, zum IEA zu kommen und so entmutigt zu werden“. Die wesentliche Veränderung, meint Arthur Seldon, habe im Meinungsklima stattgefunden. Das sei weit wichtiger als die Tatsache, dass, wie er es nennt, „Frau Thatcher ein paar Dinge getan hat“. Und Ralph Harris verweist auf Tony Blairs Wahlkampfslogan von der „dynamischen Marktwirtschaft“ – einem Begriff, den sich zuvor niemand, auch nicht Margaret Thatcher, zu verwenden getraut hätte. Der Erfolg des IEA hat viele Väter. Einer besteht darin, nicht in die Pragmatismus-Falle getappt zu sein. Ziel des Instituts war es stets, durch das Aufzeigen grundsätzlicher Alternativen das Meinungsklima zu verändern, und nicht, kurzfristige Einflussnahme durch Mitmischen in der Tagesoder Parteipolitik zu suchen. Die faulen Kompromisse, das Verwässern und Verschandeln richtiger Ideen, all das erledigt die Politik noch früh genug. Eine weitere Säule des Erfolges ist, dass Grundsatztreue nie mit Sektierertum verwechselt wurde. Für das IEA schreiben Vertreter der Chicagoer, der Public Choice- und der Österreichischen Schule. Oder auch Denker, die sich keiner speziellen Schule zuordnen. Es schreiben Anhänger von Marktwirtschaft pur. Aber auch solche, die in einzelnen Punkten skeptisch sind gegenüber der völlig reinen Lehre. Vormals linke und vormals konservative Autoren drücken sich die Klinke in die Hand, wer zeigte das besser, als Harris und Seldon selbst? Wichtig ist natürlich auch das kontinuierlich hohe Niveau der Veröffentlichungen. Zu guter Letzt aber hat das Institut seine Analysen nie auf eine funktionale Betrachtung reduziert. Wachstum, Produktivitätssteigerungen, Effizienz – all das sind wichtige Argumente zugunsten marktwirtschaftlicher Lösungen. Letztendlich geht es aber immer auch um die Souveränität des Individuums – und die ist ein Wert für sich.

Heute steht das IEA vor neuen Herausforderungen. Die alten Schlachten der 70er Jahre, in denen es um Inflationsbekämpfung, Industrieprivatisierungen und die Entmachtung der Gewerkschaftsbarone ging, sind weitgehend gewonnen. Mit Bildung und Wohlfahrt sind aber Themen geblieben, in denen das IEA nie die Meinungsführerschaft gewonnen hat, und mit Regulierung und Umweltpolitik sind neue hinzugekommen. Aber mit dem IEA haben im britischen Meinungsspektrum zwei Einsichten einen zuverlässigen Fürsprecher, die es in der deutschen Diskussion schlicht nicht gibt. Erstens: Marktwirtschaftliche Alternativen funktionieren. Zweitens: Marktwirtschaftliche Alternativen sind gerecht.

Quellen / Literaturempfehlungen: