Armutsbekaempfung durch Wirtschaftskrise? Vom Sinn und Unsinn der “relativen Armut”

erschienen als Kommentar fuer das Institut fuer Unternehmerische Freiheit (IUF), Februar 2009

Wenn die gegenwärtige Rezession endlich vorüber ist, dann kann es sein, das Armutsforscher vor einem Rätsel stehen werden. Es ist nämlich durchaus möglich, dass Statistiken suggerieren werden, die Krise hätte zu sinkender Armut geführt - jedenfalls in einigen Teilgruppen der Bevölkerung. Leider wird dieser Effekt, sollte er tatsächlich eintreten, ausschließlich darauf zurückzuführen sein, dass wir „Armut” auf eine vollkommen falsche Art und Weise definieren und messen.

In den meisten europäischen Ländern gilt als arm, wer in einem Haushalt lebt, dessen Einkommen weniger als 60% des jeweiligen Median-Haushaltseinkommens beträgt. Unter Zugrundelegung dieser Definition sinkt die Armut, wenn die Einkommen der am wenigsten Betuchten einen größeren Zuwachs erfahren als die der Mittelschicht. Das kann z.B. durch staatliche Umverteilung geschehen.

Es gibt allerdings noch eine weitere Möglichkeit, die oben definierte „relative Armut” innerhalb bestimmter Bevölkerungsgruppen zu senken. Besteht das Einkommen einer Zielgruppe weitgehend aus staatlichen Transferleistungen, deren Höhe von der konjunkturellen Entwicklung unabhängig ist, dann kann die statistische Armut in dieser Gruppe auch dann sinken, wenn das Medianeinkommen des Landes fällt. Das kann z.B. durch Wirtschaftskrisen geschehen.

In der Vergangenheit ist das durchaus schon passiert. Die britische Joseph-Rowntree-Foundation fand heraus: „Da die Altersrenten im Wesentlichen fix sind, fällt in Rezessionen tendenziell die Altersarmut. Die Rentner stehen, relativ zur Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter, besser da. In wirtschaftlich guten Zeiten dagegen steigt die Altersarmut.”(1)

Dass das Konzept der relativen Armut in Extremsituationen jegliche Bedeutung verliert, ist längst bekannt. 1983 schrieb Amartya Sen: “Dort, wo Menschen hungern, herrscht auf jeden Fall Armut - völlig egal, wie die Situation „relativ betrachtet” aussieht.” (Dort, wo alle bettelarm sind, würde der relative Armutsindikator nämlich einen Wert von Null anzeigen.) Wenn aber bloße Konjunkturschwankungen schon unsinnige Ergebnisse hervorbringen können, dann ist das ein deutlicher Hinweis darauf, dass wir unsere Definition und unser Verständnis von Armut ernsthaft überdenken sollten.

Das ist weit mehr als eine technische Detailfrage. Wir beurteilen wirtschaftspolitische Strategien u.a. danach, wie sie sich auf die Armut auswirken. Und welche Auswirkungen auf die Armut wir wahrnehmen, hängt wiederum sehr stark davon ab, wie wir Armut überhaupt definieren. Unser Verständnis von Armut beeinflusst daher maßgeblich unser Verständnis von Wirtschafts- und Sozialpolitik insgesamt.

Dazu zwei Beispiele: Von Ende der 1980er bis Ende der 1990er stieg nirgendwo in der OECD die relative Armut prozentual so stark an wie in den Niederlanden und in Irland (2). Was war dort los? Die niederländische Politik der Arbeitsmarktderegulierung und der Lohnzurückhaltung ließ die Beschäftigungsquote um mehr als zehn Prozentpunkte in die Höhe schnellen. Das kam allen Einkommensschichten zugute - der Mittelschicht und den Wohlhabenden aber relativ mehr. Das einstige Armenhaus Irland wurde durch seine Niedrigsteuerpolitik zum „keltischen Tiger”. Die Wirtschaft wuchs wie nie zuvor. John F. Kennedys Ausspruch - „eine steigende Flut hebt alle Boote” - bewahrheitete sich. Zeitweise hob die Flut aber die Jachten stärker an als die Ruderboote.

Wer will, dass auch die Armen sich Waschmaschinen, Urlaubsreisen und Computer leisten können, der muss solche Strategien, die Wachstum und Beschäftigung fördern, energisch befürworten. Wer dagegen zu sehr in Relationen und Verteilungsmustern denkt, der muss einer dynamischen Wirtschaftsentwicklung geradezu misstrauen, denn deren Auswirkungen auf die Einkommensverteilung können von der Politik nicht kontrolliert oder „feingesteuert” werden.

Ludwig Erhard hat einmal gesagt, die Lösung liege „nicht in der Division, sondern in der Multiplikation des Sozialproduktes”. Was der Vater des Wirtschaftswunders wohl von einem Armutsindikator gehalten hätte, der in Zeiten einer schweren Krise Verbesserungen anzeigen kann?